Glaube Teil 1: Glaube als Lückenfüller

Viele Leute sagen, der Glaube an Gott sei ein Lückenfüller für das, was man noch nicht erklären kann. Dabei meinen sie die Art von Erklärungen, die die Naturwissenschaften geben können.
Früher hat man zum Beispiel geglaubt, dass Gott es regnen oder die Sonne scheinen lässt. Heute können die Meteorologen beschreiben, wie das Wetter entsteht. Also braucht man Gott nicht mehr als Verursacher. Man hat geglaubt, dass Gott Krankheiten schickt. Heute kennt man Bakterien, Viren und viele andere Ursachen. Man hat geglaubt, dass Gott die Welt und das Leben geschaffen hat. Heute gibt es die Urknalltheorie und die Evolutionslehre, die ohne Gott beschreiben, wie alles entstanden ist.

So bleibt für Gott immer weniger übrig und viele meinen, dass es eines Tages, wenn alles erklärt ist, keinen Grund mehr geben wird, an Gott zu glauben.

Aber wenn man so über den Glauben denkt, bringt man vieles durcheinander, was nicht zusammengehört. Der Glaube hat einen viel tieferen Ursprung als das Bedürfnis, Sachen zu erklären.

Doch selbst wenn es so wäre, könnten die, die den Glauben retten wollen, beruhigt sein: Es wird garantiert nie alles, wonach die Naturwissenschaft sucht, entdeckt und erklärt sein. Im Gegenteil, je mehr man entdeckt, um so mehr neue Fragen tun sich auf und um so schwieriger werden diese Fragen.

Am Ende des 19. Jahrhunderts hat man gedacht, dass die Physik praktisch alles, was es gibt, schon erklärt habe, und man hat Max Planck davon abgeraten, Physik zu studieren, weil es in dieser Wissenschaft nichts mehr zu tun gäbe. Er hat es dann aber doch getan und die Quantenphysik entdeckt und die Tür zu einer völlig unbekannten Wirklichkeit geöffnet. Auch in der Kosmologie trägt jede weitere Entdeckung dazu bei, dass das Unbekannte immer grösser wird und uns immer deutlicher wird, wie wenig wir wissen. Wir wissen nicht einmal, wie wir angemessene Fragen stellen können.

Dass früher manche Physiker dachten, sie hätten praktisch alles erklärt, was es zu erklären gibt, liegt daran, dass der Horizont ihrer Fragen sehr eng war. Sie waren der Ansicht, es gäbe im Leben keine anderen sinnvollen Fragen ausser «wie funktioniert das?», «wie kann ich es messen?», «wie gross ist es?», «aus welchem Stoff besteht es?», «wie ist es entstanden?» und so weiter. Der beeindruckende technische Fortschritt, der durch ihre Art zu denken möglich wurde, bestärkte sie in dieser Annahme und unser Weltbild ist bis heute davon geprägt.
Wenn man meint, der Glaube wäre ein Lückenfüller, steckt meistens die Vorstellung dahinter, der Glaube hätte den Zweck, Antworten auf solche Fragen zu liefern, wie sie die Physik im vorletzten Jahrhundert hatte. Und wenn das so wäre, wäre der Glaube tatsächlich überflüssig.

Aber der entscheidende Punkt ist: Der Glaube hat nicht die Aufgabe, etwas zu erklären in der Art, wie es die Naturwissenschaften tun. Im Glauben geht es nicht um «erklären», sondern um die Erfahrung von Sinn. Klarzumachen, was der Unterschied zwischen beidem ist, ist erstaunlicherweise ziemlich schwer. In der nächsten Ausgabe des «Brennpunkts» versuche ich, es zu beschreiben.

Pfarrer Clemens Bieler

Teil 2 folgt am 12. März 2021
Bereitgestellt: 27.02.2021     Besuche: 28 Monat 
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